Von den Anfängen des Handwerks in der Steiermark bis in das 19. Jahrhundert
Die ältesten in der Steiermark aufgefundenen Werkzeuge, die von jahrtausendalter Handwerkskunst Zeugnis ablegen, sind aus Stein und Knochen und mit Sicherheit Zeugnisse planmäßiger Arbeit.
Wir kennen Handspitzen und Erzeugnisse aus Hornstein, Quarzit und Knochen. Auch Schmuckstücke aus der letzten Eiszeit wurden gefunden. In der seitlich im Murtal gelegenen Repolusthöhle fand man auch einen Knochenhammer, der eine Schneide und Bohrvorrichtung aufwies. Die älteste kunstgewerbliche Arbeit, die man auf steirischem Boden entdeckte, ist ein verzierte Hirschgeweihspross aus der Zigeunerhöhle bei Gratkorn.
Die Tongefäßerzeugung ist ebenfalls ein Produkt der Jüngeren Steinzeit. Am Anfang stand die Handformung der Gefäße. Die Töpferscheibe kann in der Steiermark erst im zweiten jahrhundert v. Chr. festgestellt werden. Das Brennen der Gefäße erfolgte nach der Lufttrocknung im offenen Feuer und später in Kuppelöfen. Die ersten Tongefäße wurden luftgetrocknet verwendet. Eines der ältesten steirischen Tongefäße wurde beim Waltrafelsen bei Jamm nahe Bad Gleichenberg gefunden.
Mit dem Aufkommen der Metalle ging das Handwerk wiederum völlig neue Wege. Kalt geschmiedete Kupferschmuckstücke aus Lödersdorf gehören zu den sensationellsten Funden in der Steiermark. Um 1700 v. Chr. begann die Frühe Bronzezeit ein, in der 90 % Kupfer und 10 % Zinn zur Bronzelegierung verschmolzen wurde. Es wurden Lanzenspitzen, Pfeilspitzen, Meißel, Beile, Fibeln, Schwerte und vieles andere mehr hergestellt. Das Land wurde von Bronzegegenständen im wahrsten Sinn des Wortes überschüttet.
Die Bronzezeit brachte außergewöhnlich schöne Handwerksstücke hervor. Gesteigert wurde diese Handwerkskunst in der Älteren Eisenzeit mit der Verarbeitung eines neuen Materials.
Die Hallstattzeit zeigt, dass es eine Vielzahl von unterschiedlichen Handwerkern und Spezialisten gegeben haben muss. Die Arbeit von Wagenbauern, Fassbindern, Drechslern, Korbflechtern, Webern, Lederarbeitern, Kunstschmieden, Schmuck- und Kleidungsherstellern sind aus den Fundstücken dieser Zeit erkennbar. Das Schmiedehandwerk wurde zur Säule der Handwerkskunst. Größere Eisenstücke wurden im warmen Zustand geschrotet und zu Blech getrieben. Durch das Feuerschweißen konnten die Schmiede die verschiedensten Erzeugnisse auch verbinden.
Mit den Kelten, die man schon der so genannten La-Téne-Kultur zurechnet, werden handwerkliche Spitzenleistungen bekannt. Die schönsten Gegenstände aus Eisen kennen wir aus der Zeit um 200 bis 100 v. Chr. aus der Weststeiermark.
Nach der Zeit um Christi Geburt wurde in den Provinzen des Römerreiches das handwerkliche Können und Wissen noch verfeinert. Bei den Römern war der Schmied ein wichtiger Bestandteil des Heeres und in den Städten. Der „norische Stahl“ wurde in dieser Zeit weithin bekannt. Dazu kommt eine ausgefeilte Hausbautechnik mit Wasserleitungen, Beheizungsanlagen, Kanalisation, Ziegeldach, Glasfenster, Mosaikböden und vieles anderes mehr. Die Handwerker fertigten stabile Reisewägen an, mit denen auf neu errichteten Straßen die Länder durchquert wurden. Immer mehr wurden auch Gefäße aus Glas in den Handel gebracht. Das gewerbliche Leben der Antike ging mit dem Untergang des Römerreiches zugrunde.
Unter der bayrischen Oberhoheit ab dem 8. Jahrhundert dominierte das Störhandwerk, wobei Bauernsöhne mit ihrem Arbeitszeug von Haus zu Haus zogen und dort ihre Arbeit verrichteten.
Anders war die Situation beim Fronhofhandwerk, wo der Gutsherr Eigentümer der Rohstoffe und der Werkzeuge war. Die Hofhandwerker, wie Schuster, Wagner und Schmied, waren an den Gutsherrn gebunden, der ihnen als Lohn Gärten, Äcker und Wohnraum für die Familien überließ.
Die unmittelbare Entwicklung des Handwerks in der Steiermark hängt mit der Gründung der Märkte und Städte zusammen. Die älteste steirische Handelsniederlassung ist 1103 die Judenniederlassung Judenburg. Um 1125 – 1130 wurden Marktanlagen in Hartberg, um 1150 in Leoben und Pöllau und 1170 in Fürstenfeld gegründet. Diese Marktgassen mussten bald durch größere Platzanlagen erweitert werden, wie in Hartberg im Jahr 1147, in Graz 1156-1164, in Leibnitz um 1170 sowie in Weiz und Feldbach vor 1188. Es handelte sich um Handwerksniederlassungen, die die Versorgung der vielen Kolonisten im Land sicherzustellen hatten. Nach 1192, der Zeit der Babenberger, kamen noch viele Marktgründungen dazu. 1247 lesen wir vom Kürschner Premeuzlin in Graz, 1249 vom Schneider Herbold in Vorau, von einem Sattler und Fleischer in Judenburg, 1257 einem Kürschner in Leibnitz und 1259 einem Schmied in Graz. Aus dem Jahr 1403 gibt es eine Aufzählung der Weizer Bürger: 3 Bäcker, 9 Fleischhacker, 3 Lederer, 1 Schuster, 1 Schneider, 1 Leinweber, 4 Kürschner, 1 Kaufmann, 1 Hafner, 1 Bader, 1 Badknecht und 1 Sämer.
Bereits im 13. Jahrhundert bildeten einzelne Handwerke eine Einung, die die Aufnahme neuer Genossen und die Verleihung des Bürgerrechtes an Neuankommende regelte. 1418 kam es durch Herzog Ernst zum Verbot aller Handwerker auf dem land, mit Ausnahme der Schneider und Schuster.
Im 14. und 15. Jahrhundert wurden religiöse Bruderschaften von Handwerkern gegründet, die sich bald mit der Einung verbanden und als Vorreiter der Zunft zu nennen sind. Im 15. Jahrhundert kam es zur Gründung eigener Gesellenverbände. Das Standesbewusstsein der Handwerker war groß und so blieben die unehelich Geborenen und unehrlichen Personen vom Handwerksstand ausgeschlossen. Die Zünfte hatten die wirtschaftliche Sicherung ihrer Mitglieder zu garantieren und der Zunftzwang bestimmte, dass nur die Meister der Zunft das Recht zur Ausübung des Gewerbes besaßen. 1527 wurde das Gewerbe vom Zunftzwang befreit.
Am Anfang des 16. Jahrhunderts kam es zur Umorganisation der Zunftsysteme. Für jedes Handwerk wurde in Graz eine Hauptlade errichtet und von dieser die abhängigen Viertellade, deren Vororte die Landgerichtssitze und Pfarrorte wurden. Die Hauptlade galt als Vorbild für die Ortszünfte. Mit diesen Zünften stand auch ein festliches Brauchtum in Verbindung. In den Zunftladen wurden die Zunftordnung und Protokolle aufbewahrt. Bei geöffneter Lade erfolgte die Aufdingung, Freisprechung und Meisteraufnahme. Die Zünfte gerieten im 18. Jahrhundert in Verruf, was dazu führte, dass die Bruderschaft von Kaiser Joseph II. aufgehoben wurden.
Die Aufdingung eines Lehrlings erfolgte bei offener Lade. Zwei Bürgern hatten 32 Gulden zu zahlen und zu garantieren, dass der Lehrling sich ehrbar verhalten und nicht entlaufen würde und von ehrlicher Abkunft war. Lehrlinge wurden zischen dem 12. und 15. Lebensalter aufgenommen, die Lehrzeit dauerte zwei bis drei Jahre. In Einzelfällen fünf bis sieben Jahre. In erster Linie wurden Handwerker- und Bürgerkinder aufgedingt, doch auch Bauernkinder konnten ab 1782 ein Handwerk erlernen. Die Freisprechung fand ebenfalls vor offener Lade statt. Es gab keine Prüfung sondern der Meister legte einen Bericht ab. Zur Meisteraufnahme waren meist drei Wanderjahre notwendig. 1776 hob Maria Theresia den Wanderzwang für die Meisterwerdung auf.
Die Arbeitszeit im 16. und 17 Jahrhundert betrug 14 bis 16 Stunden am Tag und ab 21 Uhr herrschte Nachtruhe. Am Samstag endete die Arbeit um 15 oder 16 Uhr und am Sonntag wurde nicht gearbeitet. Verkürzt war auch die Arbeitszeit am so genannten „blauen Montag“. Badetag war an allen 14 Tagen, an denen die Arbeitszeit um 15 oder 16 Uhr endete und auch das Bettzeug der Gesellen gewechselt wurde.
Im 19. Jahrhundert verkam das Zunftwesen immer mehr, bis es 1859 völlig aufhörte. Ab sofort galt das Prinzip der Gewerbefreiheit.