Die
Steirer bringen dem ethnomedizinischen Wissen oft mehr Vertrauen
entgegen, als der Schulmedizin. Viele von ihnen pilgern bei den
unterschiedlichsten Gebrechen zu einer der Heil- und Wunderquellen im
Land. Klein ist die Gruppe jener Steirer, die zu den Plätzen der Kraft
gehen, dort in innige Ruhe verfallen, und die aus dem Boden strahlende
Energie in sich aufnehmen. Auch vom ehrwürdigen Herrn Pfarrer erwartet
sich der religiöse Steirer medizinische Hilfe. Neben dem Allheilmittel
Weihwasser wird vor allem der anfangs Februar erteilte Blasiussegen
hochgeschätzt.
Der medizinische Wunderschatz der Bauerndoktoren und Kräuterweiber ist
von einer unendlichen Vielfalt. Jeder dieser Heiler und Heilerinnen
verfügt über seinen eigenen, individuellen Rezeptschatz. Diese
Volksmediziner unterteilen sich auch in einzelne Spezialisten für
diverse medizinische Fachgebiete wie Boaheiler (Knochenbrüche),
Salbenmacher, Teepanscher, Engelmacher (Abtreiber), Wurmdoktoren,
Wender, Vermesser und die hochgeschätzten Viehdoktoren. >>>zum Poppendorfer Arzneibücherl
Bei Körperwürmern empfiehlt der erfahrene Bauerndoktor Erde, die zuvor
erhitzt wurde, zu essen und bei Halsschmerzen sollte man mit dem
eigenen Urin gurgeln. Ein mit Farn ausgelegtes Bett schützt vor dem
Zugriff des Teufels, zieht aus dem Körper Gicht und Ischias aus und
heilt Rheuma. Bei Gicht und Ischias geht man im Frühjahr zu einem
grünen Baum, ergreift mit der rechten Hand einen Ast und spricht:
Ein Haus-Theriak, ein Wunderheilmittel mit Menschenfleisch wird aus 140
g Enzianwurzel, Alantwurzel, Lorbeeren, schöne schwarze reife
Wacholderbeeren (Cronawetbeer); je 70 g Angelikawurzel, Meisterwurzel
(Imperiatoria ostrutium); je 35 g Diptamwurzel, Bibernellwurzel,
Schwalbenwurzel (Ascelpias vinecetoxicum), Baldrianwurzel,
Teufelsabbisswurzel (Succisa pratensis), Anhackenwurzel (Carlina
Acaulis), Natterwurzel (Polygonum bistorta), Zitwerwurzel; je eine
Handvoll Cardobenidictkraut, Weinrauten, Skabiosen, Ehrenpreis,
Tausendguldenkraut, Betonienblätter; je 8,75 g Ingwer, langen Pfeffer,
Orangenschalen, Zitronenschalen, Bibergeil (Biberhoden), Mumia
Alapastica, Kampfer (Harz des Kampferbaumes), Safran, Styrax/Liquidam,
Wacholderöl, Terpentinöl; 3 dl Weißwein und 2800 g Honig hergestellt.
Dieser Theriak wird zur Herzstärkung, bei Magenbeschwerden und bei
diversen Krankheiten getrunken. Daraufhin wird Schwitzen empfohlen.
Äußerlich auf den Magen aufgelegt, hilft er bei Magenschmerzen und
Durchfall.
Bei dieser Rezeptur ist vor allem Mumia Alapastica erklärungsbedürftig.
Es ist dafür das Fleisch eines hingerichteten Jünglings, der gesund und
nicht über 25 Jahre alt gewesen ist, erforderlich. Er muss "gehenckt
oder geradbrecht oder geköpft oder gespießet worden sein". Bei der
Verarbeitung eines Rothaarigen wurde das Rezept kräftiger. Der Leichnam
musste einen Tag und eine Nacht lang an die Sonne und den Mond gestellt
werden. Dann schnitt man ihn zu kleinen Stücken, die mit pulverisierten
Myrrhen und ein wenig Aloenpulver bestreut wurden. Zu viel Aloe macht
die Fleischteile bitter. Jetzt wurden die Teile mit mehrfach
destilliertem Branntwein bespritzt und über 6 oder 8 Tage, niemals 7
Tage, liegen gelassen. Die kleinen Fleischteile wurden nun auf eine
Schnur gefädelt und wie die Wäsche der Sonne ausgesetzt, bis das
Fleisch austrocknet. In ein Glasgefäß, das mit mehrfach destilliertem
Branntwein gefüllt ist, kamen die Fleischteile, darauf kam eine dunkle
Abdeckung, und das Glas wurde in "gelinder Wärme" abgestellt, bis sich
der Branntwein rötlich färbte. Der Branntwein wurde abgeschüttet und
das Fleisch neuerlich übergossen. Dies musste so oft wiederholt werden,
so lange eine Rotfärbung erfolgte. Die gesamte Extraktion kam in ein
anderes Glasgefäß und wurde mit dem Fleisch versetzt so lange gekocht,
bis ein dicker Saft entstand. Der Menschenfleischsaft wurde nun gewogen
und das doppelte Gewicht Augsburgerischer Theriak, der vierte Teil
weiße oder gelbe schlesische terra sigillata, der achte Teil halb
Perlen- und halb Korallensalz beigegeben und das Gefäß verschlossen.
Für ältere Leute, die das Wasser nur schwer verhalten können, soll ein Maisbarttee helfen. Der Maisbart, im Volksmund Woazbart, wird gepflückt, getrocknet und daraus ein Teeaufguss bereitet. Bei Gelbsucht wird Kukuruzsterz auf das Dach gestellt; wenn die Vögel davon fressen, wird der Kranke wieder geheilt. Bei Kehlkopfkrebs oder "Röhrenschindsucht", wie es im Volksmund heißt, röstet man Maiskörner wie Kaffee und bindet sie dann mit einem Tuch um den Hals. Gegen Hämorrhoiden soll eine Maiskolbenkur heilend wirken. Die Maiskolben müssen entkernt ("ogriffelt") sein, und sie werden solange in die Herdglut gelegt, bis sie zu glühen beginnen. Danach kommen sie sofort in einen Metallkübel, auf den sich die Person mit Hämorrhoiden setzt, sodass die heißen Dämpfe auf das Hinterteil treffen. Diese Kur muss über drei Tage fortgesetzt werden.
Schwarze Nacktschnecken werden in eine Schachtel gegeben, mit Salz bestreut und im Misthaufen vier Wochen vergraben, bis sich die Schnecken aufgelöst haben. Mit dem entstandenen Brei werden Warzen eingerieben. Hingegen hält man Rote Nachtschnecken in einem großen Glas zwei Tage zum Ausmisten, dann gibt man gleich viel Zucker dazu, in dem sich die Schnecken auflösen, und zur Geschmacksverbesserung wird noch ein Teil Cognac zugesetzt: man trinkt davon bei Magenleiden und Magenkrebs.
Für ein besonders beliebtes Rezept werden Rote Waldameisen in Schnaps angesetzt: 1/3 Ameisen, 2/3 Schnaps ziehen lassen und abseihen. Diese Ameisentinktur wird als Einreibung bei Rheuma und Kreuzschmerzen verwendet.
Hüttrach diente in erster Linie als potenzsteigerndes Mittel für Bauern und Knechte und als Kraftspender für Pferde. Über die Anwendung von Hüttrach erzählt Franz Neubauer aus Krusdorf: Zuerst darf man daran nur lecken, nach einer Woche ein Bröserl essen und erst später eine geringe Dosis einnehmen. Dann hält die Manneskraft stundenlang an.
Zu den kostbarsten Universalheilmitteln zählt das Kohlöl, dass vom Köhler aus dem Kohlenmeiler oder aus einem Kohlwerk gewonnen wird. Aus dem glühenden Meiler tropft diese Kostbarkeit, ähnlich wie beim Destillationsvorgang beim Schnapsbrennen aus einem dünnen Röhrchen. Bei Halsschmerzen wird Kohlöl löffelweise eingenommen und bei Rheuma und Gicht werden die schmerzenden Stellen mit Kohlöl eingerieben. Sogar verkrüppelte Köperteile biegt dieses Öl wieder gerade.
So mancher Steirer
wird von Karbunkeln (Ansammlung von Furunkeln; Furunkeln sind
tiefliegende Entzündungen) verunstaltet und oft sogar aus seinem
physischen Gleichgewicht geworfen. Und wenn alle Salben und Mittelchen
keine Hilfe bieten, so versucht er es mit einem geheimnisvollen Spruch:
Der Mond ist mit geheimnisvollen Kräften ausgestattet, die der Steirer
zu nutzen oder abzuwehren verstehen muss. Zur Beseitigung von Warzen
spricht man in der Neumondnacht die Beschwörungsformel:
Mit Hilfe des Mondes kann man auch Zahnschmerzen vertreiben:
Bei Schmerzen spricht man bei abnehmenden Mond:
Für das "Schwundabbeten" - dabei handelt es sich um Schwindsucht und das Schwinden von verschiedenen Organen - muss der Erkrankte bei aufnehmendem Mond in Richtung Osten blicken. Mit einer Wolfskralle werden über die schmerzende Stelle drei Kreuze gezogen, die Dreifaltigkeit angerufen und über die schmerzende Stelle drei Kreise gezogen. Dabei sagt der Heilkundige:
Von Operationen hält der Einheimische grundsätzlich nichts. Denn er meint, dass ein eingestückelter Anzug kein neuer Anzug ist. Ist eine Operation dennoch unausweichbar, so wählt er als Termin einen Tag mit aufgehendem Mond, denn das wachsende Licht bringt Glück und bessere Genesung. Eine alte Steirerin jedoch glaubt zu wissen: "Bei aufnehmendem Mond is net guat doktern, da Mond muaß abnehmen, dann nimmt a die Krankheit ab".
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Ein
handgeschriebenes Arzneibücherl aus der Zeit um 1780 wurde in
Poppendorf bei Gnas gefunden. Aufgrund der unterschiedlichen
Handschriften darf angenommen werden, dass drei Personen die Rezepte
aufgeschrieben haben. Eine Person davon ist namentlich mit Joseph Roth
genannt. Einige Anwendungsbereiche bei Krankheiten sollen hier
angeführt werden.
Gegen Fieber
soll man Spinnweben und Honig mischen, auf den Händen aufbinden, und
zwar auf einer Hand auf der auswendigen und auf der anderen Hand an der
inwendigen Seite, und 24 Stunden aufgebunden lassen; dann alles ins
Wasser (fließendes Wasser) werfen. Oder man gibt drei Radel Kren, drei
Radel Kalberzwurzen (Kalmus) und drei Wipfel Wermut in ein Seitel Wein,
alles 24 Stunden stehen lassen und bei Fieber trinken. Zu den
"erprobten" Fiebermitteln gehört frischer menschlicher Urin. Die
"Gilliwurzen" (Nieswurz), Kranabetbeeren und "Sinkpech" sollen zur
Vertreibung des Fiebers auf den Nabel aufgelegt werden. Bei großer
Hitze im Kopf legt man auf die Fußsohlen "Krendampfl" (Sauerteig mit
geriebenem Kren), auch noch auf Waden und Genick. Weiters wird
empfohlen, dass man auf die Fußsohlen einen glühend gemachten Ziegel
legt, den man mit Essig übergossen hat, und auf die Brust warmes
"Haarwerg" (Flachs). Auch das "Nußkreuz" von drei Nüssen auf Brot
gegeben und die Pfaufeder galten als Fiebermittel.
Das Fieber konnte auch abgebetet werden: Am ersten Tag ein Vaterunser,
am zweiten Tag zwei usw., bis zum neunten Tag, und dann wieder
abnehmend, bis man am 17. Tag bei einem wieder angelangt war. "Und dies
Gebet ist für die Seelen der Ertrunkenen, Erschlagenen, Verbrennten,
Erhenkten oder die sonst in einem jähen Tod gestorben sind."
Gegen die Gelbsucht "nimm Gänsekot, ein halbes Quintel; in Wein eingenommen und dies öfters". Oder "tut man Eier festsieden und ein Dotter heraus und das Weiße bei der Mitten auseinanderschneiden und zwei Schnüre durchziehen und über die Achsel auf den Rücken binden."
Gegen die Hinfallende:"Man soll drei junge Mäuse fangen, von denselben Herz, Lunge und Leber dörren, pulvern, und einen Kreuzer Zucker dazugeben und selbes einnehmen." "Auch ist es gut: da nimmt man einen Frosch aus dem rinnenden Wasser heraus, tut ihn lebendig in den Ofen, hält ihn fest nieder und verbrennt ihn und zerreibt ihn. Hernach schneidet man einer schwarzen Henn in den "Birgel" (Schenkel), tut drei Tropfen Blut heraus, rühret es durcheinander und schüttet es dem Kranken in den Mund. Den Schaum muss man vorher - er ist ein Gift - mit einem "Briegerl" (Stäbchen) wegwischen. Solches Pulver muss ein Messerspitz voll sein." "Soll man von einem schwarzen Schwein, das zum erstenmal Junge hat, öfters Milch trinken."
Gegen die Gicht "nimm Hasenfetten und schmier dich damit warm". Oder, "tue Regenwürmer in ein Glas, verbinde es mit Leder. Es muss elf Tage in einem Ameisenhaufen, so wird Öl daraus, damit salbe den Nabel."
Gegen Lendenweh: "Da suche man tannenes Pech, ein weiches, dies muss neunmal gewaschen werden; auf einen Fetzen streichen und auflegen."
Gegen die rote Ruhr "soll man Fleisch von roten Eichkazeln zurichten lassen und essen". Ebenfalls bei Ruhr "soll man für ein Mannsbild neun, für ein Weibsbild sieben Stubenkäfer (Küchenschaben) in Rindschmalz rösten und bei der Herzgrube auflegen oder einnehmen."
Bei verwundeten oder abgehauenen Flachsadern (Sehnen) oder Nerven "brenne Erdwürmer zu Pulver, vermische mit Honig und schmiere dich damit."
Gift aus Pestilenzbeulen auszuziehen: "Hühnermist mit Eierklar zu einem Pflaster verrühren und lege es warm auf."
Für allerlei giftige Tierbisse oder Stiche "Lege alsbald Saukot, in Essig gesotten, warm über."
Für den Wurm (Nagelbettentzündung) "nimm Honig, Asank (Asa foetida), Glassscherben, Katzenhaar, Blutsein, Knoblauch, Kuhkot, Bernkraut, und mache es zu einer Salbe."
Für schmerzhafte Glieder ist es gut "lebendige Regenwürmer darauf binden und darauf sterben lassen und alsdann lege man gequetschte Brennessel, mit Branntwein angefeuchtet, darüber."
Für den Leibschaden "nimm Multwürmer (Feuersalamander), bis sie ganz zergehen und mit dem Schmalz den Schaden anschmieren und mit einem Bruchband recht fest binden und drei oder vier Tage mit Ruhe sein, so ist es in acht Tagen geheilt." Wenn einer eine Laus im Magen hat, so soll er nichts als gebratene Rüben essen.
Augenmittel: "Wenn auf einem Auge schon eine Blatter ist, da tut man entweder Zucker, blaues Glitzelwasser (?) oder Alkaterschmalz (Alkater = Eule) hinein."
Augenwasserrezept: "Nimmt man, wenn der erste Regen im Mai fällt, also wachsen auf dem Kranewittholz Schwämme, da soll man die Schwämme nehmen und in ein Glas hineintun und an die Sonne stellen und destillieren lassen und dann ein weißes Tücherl nehmen und vor Sonnenaufgang im Habertau herumziehen, dass es recht nass wird, und hernach das Wasser in ein Glas ballen und ein wenig Goffer (Kampfer) dazu."
Gegen Katarrh: "Kann man einer Rübe bei der Mitte ein Loch ausschneiden, einen Honig hinein, die Rübe braten und zwischen Tellern ausdrücken und den Saft öfters nehmen." "Man kann eine Zwiebel braten und im Schmalz rösten und einen darein und morgens und abends davon nehmen."
"Gedärmfraß (=fraisen) ist es gut: Da soll man drei Tropfen Terpentinöl in ein Löffel Wasser und von diesem Menschen selbst ein Haar beim Genick abschneiden und in den Mund hineinrauchen."
"Ein Mittel gegen die Wassersucht: einen Waldhasen kochen und Meerzwiebel hineinschneiden und durcheinander kochen und diese Suppe trinken."
Ein Hühneraugenmittel: "Nimmt man ein Nachtgeschirr und brunst hinein und lässt es drei Tage stehen. Hernach wird am Boden ein Stein wachsen. Man nimmt den Stein und legt ihn auf das Hühnerauge."
Mit diesem wohl einzigartigen Hühneraugenrezept endet das Poppendorfer Arzneibücherl.
Mehr als den Menschen galt einst die medizinische Sorgfalt den
Nutztieren. Trotzdem waren die Verhältnisse in den Stallungen um 1900
noch äußerst schlecht. Die Pferdestallungen waren noch zweckmäßig,
während die Rinderstallungen niedrig und dumpfig waren. Die Rinder
mussten ihren Mist mit der Streu zusammentreten. Dies führte zu einer
Vielzahl von Erkrankungen der Tiere.
Die Maul- und Klauenseuche wurde oft aus Ungarn durch Rinder- und
Schweinetriebe eingeschleppt. Der Milzbrand kam mitunter bei Schweinen
vor. Vereinzelt bekamen Hunde die Wut (Tollwut). Die Pferde hatten
durch Verkühlung oder falsche, unvernünftige Fütterung mit Klee,
frischem Heu oder Roggen die Kolik. Bei Koliken kam der Trokar, ein
Eisenspitz zur Anwendung. Dieser wurde dem Rind in die aufgeblähte
Körperstelle gestochen, sodass über ein eingeführtes Röhrchen , die
Gase aus dem Tierinnern entweichen konnten.
Schweine wurden oft mit zu warmen oder sogar heißen Futter gefüttert,
worauf sie oft schon nach wenigen Stunden verendeten. Viele Schweine
hatten die Bräune oder Kehlsucht und die Finnen. Leiden die Schweine an
der Güll (Gliedergüll), so wird die Güllwurzwurzel (Nieswurz)
ausgegraben und gereinigt. Dem kranken Schwein wird ein Loch in das Ohr
geschnitten und die giftige Wurzel hineingesteckt. Das Ohr schwillt rot
an und oft brennt die Güllwurz ein Loch so groß aus, dass es nie mehr
verheilen kann. Der Bauer bezeichnet diese Behandlungsmethode als
Güllwurziehen.





































