Wintergemüse – ernten, wenn andere pausieren

3. Februar 2026

Wenn die Tage kürzer werden und Raureif die Beete überzieht, scheint der Garten auf den ersten Blick zur Ruhe zu kommen. Doch dieser Eindruck täuscht: Immer mehr erfahrene Gärtnerinnen und Gärtner entdecken den Winter als überraschend produktive Jahreszeit. Auf einem gut besuchten Gartenvortrag erklärte die versierte Saatgutvermehrerin und Praktikerin Irmi Scheidl, warum Wintergemüse längst kein Nischenthema mehr ist – und wie der Klimawandel unsere Anbaumöglichkeiten spürbar erweitert.

Mildere Winter und längere Vegetationsperioden eröffnen neue Perspektiven. Kulturen wie Feldsalat, Winterpostelein, Asiasalate, Spinat oder robuste Grünkohlsorten gedeihen auch bei niedrigen Temperaturen zuverlässig. Selbst Porree, Rosenkohl oder Zuckerhut trotzen Frostperioden und gewinnen dabei oft sogar an Geschmack: Durch die Kälte lagern viele Pflanzen Zucker ein, wodurch Bitterstoffe gemildert werden und ein angenehm nussiges Aroma entsteht.

Entscheidend für den Erfolg ist weniger ein beheiztes Gewächshaus als vielmehr eine kluge Planung. Viele Wintergemüse werden bereits im Spätsommer ausgesät, damit sie vor den ersten Frösten ausreichend Blattmasse entwickeln können. Ein lockerer, humusreicher Boden mit guter Wasserführung schützt die Wurzeln vor Staunässe – einer der häufigsten Gründe für Ausfälle in der kalten Jahreszeit. Leichte Abdeckungen wie Vlies oder ein Folientunnel schaffen zusätzlich ein stabiles Kleinklima, ohne dass der Pflegeaufwand stark steigt.

Wer eigenes Saatgut nutzt oder vermehrt, stärkt zudem die Anpassungsfähigkeit der Pflanzen. Über Generationen hinweg selektierte Sorten zeigen oft eine bessere Winterhärte und kommen mit regionalen Bedingungen hervorragend zurecht. Gerade in Zeiten klimatischer Unsicherheiten gewinnt diese Form gärtnerischer Selbstständigkeit an Bedeutung.

Doch auch im Winter bleibt der Garten ein Ökosystem mit Herausforderungen. Mäuse suchen in der kargen Landschaft gezielt nach Nahrung und können beträchtliche Schäden anrichten. Drahtkörbe beim Pflanzen von Wurzelgemüse oder eine verdichtete Beetoberfläche erschweren ihnen den Zugang. Gleichzeitig lohnt es sich, natürliche Gegenspieler zu fördern – etwa durch strukturreiche Gartenbereiche, die Greifvögeln Ansitzmöglichkeiten bieten.

Schnecken wiederum sind längst kein reines Sommerproblem mehr. In milden Wintern bleiben sie aktiv und befallen bevorzugt junge Salate. Mechanische Barrieren, regelmäßige Kontrollen sowie ein zurückhaltender Einsatz von Mulch im Herbst helfen, den Druck gering zu halten. Ein luftiger Stand reduziert zudem Pilzkrankheiten, die sich bei feuchter Witterung schnell ausbreiten können.

Trotz dieser Aspekte überwiegen die Vorteile deutlich: Wintergärten sind pflegeleichter, benötigen weniger Bewässerung und belohnen mit frischer Ernte genau dann, wenn regionale Produkte rar sind. Darüber hinaus verändert sich der Blick auf den Garten grundlegend. Statt einer klaren Saison entsteht ein nahezu ganzjähriger Kreislauf aus Säen, Wachsen und Ernten.

Vielleicht liegt gerade darin der größte Reiz des Wintergemüses: Es fordert dazu auf, gewohnte Grenzen zu überdenken und die stille Jahreszeit als produktive Phase zu begreifen. Wer einmal an einem kalten Morgen knackigen Feldsalat oder frostgesüßten Grünkohl geerntet hat, erkennt schnell, dass Gärtnern keine Frage der Temperatur ist – sondern der Haltung. Der Winter ist nicht das Ende der Saison. Für viele Kulturen ist er vielmehr ihr Anfang.